ERINNERUNGEN
In
diesem Sommer kam Norbert Burgmüller aus Kassel zurück, wo er
als Schüler Spohrs und
Hauptmanns einige Jahre studiert hatte und zwar auf Grund der gespendeten
Unterstützung
seitens des Grafen Nesselrode-Ehreshoven, der, ein grosser Musikfreund,
dem sehr talentvollen
Jüngling sich zuneigte. Burgmüller, arm, verlassen und kränklich
(an Epilepsie leidend) zog
mich mit seinem tiefen Gemüte und seinem herrlichen, musikalischen
Genius gewaltig an, und
obgleich sein etwas stark zynischer Lebenswandel mich oft hart gegen ihn
ausfahren liess, so
bestand doch immer zwischen uns ein inniges Freundschaftsverhältnis
mit gegenseitigem
offenen Vertrauen; und eine zeitlang sogar hatte ich mir eingebildet, ihn
vermittels meines
Umganges vor schlechtem Umgang bewahren zu können, doch kam es leider
nicht dahin.
Johann Wilhelm Schirmer, ca. 1831.
Norbert Burgmüller.
Noch sind es kaum acht Tage, wo er mich Podagristen
gutmüthig Abends aus dem Theater
nach Hause führte und sagte, er reise morgen zu einem Musikfest oder
Concert (ich erinnere
mich nicht genau wie er es nannte, ich hätte seine Worte schwerer
genommen, wußt' ich, dass
es die letzten waren, die ich von ihm hören sollte) nach Aachen und
werde in vierzehn Tagen
zurückkommen. - Norbert, du hast dein Wort schlecht gehalten, bist
weiter gereist und kommst
nicht wieder, starbst am 7ten Mai, welcher diesmal für jeden, der
dich kannte, keine Wonne-
mond ist. Der Dich kannte! Ja, du warst ganz was anderes als manche Leute,
die bei näherer
Betrachtung immer mehr von dem Gloriendunst verlieren, in den sie sich
sich verhüllen. Von
Manchem im Pöbel wardst du verkannt nur - - weil du zu bescheiden
warst.
Burgmüllers bekannte Symphonie, sein Clavierconzert,
seinem edlen Gönner, dem Graf
Nesselrode gewidmet, sind besser als 1000 Opern nach alten Texten erfunden
und von
vielleicht bezahlten oder dummen Journalen betrillert und beschrieen. Er
hatte bei seinen
Compositionen nur Einen Fehler: er that des Guten gern zu viel. Stimmen
und Instrumente
werden oft von ihm überladen, daß sie all das Gute kaum ausführen
können, ohne zu brechen.
Er war noch jung. Und Ueberbrausen ist da zu entschuldigen. Das ist besser
als leer seyn, und
nichts zum Ueberbrausen zu haben. Man gährte sonst nicht aus und auf,
weil das Material zur
Grösse fehlte.
Man warf dem Norbert bisweilen vor, er sey zu wenig fleissig. Hätten
die Tadler einen reiz-
baren, leicht durch Alltäglichkeiten gestörten, behinderten Genius
zu schätzen gewusst,
epileptische Anfälle und drückende Verhältnisse erwogen,
so würden sie gestehen müssen:
Norbert that, was er unter den Umständen konnte.
Es sollen noch viele Manuscripte, ein Fragment der
Oper 'Dionysius' darunter, von ihm
vorhanden seyn. Gebe man denn doch diese Reliquien in Druck. Sie sind sicherlich
gut. Und
wie sollt' es anders seyn? Nie sagte er, soviel ich mit ihm gesprochen
habe, ein unwahres Wort,
vielmehr dachte er stets bei Fragen und Antworten erst reiflich nach. Die
Wahrheit aber ist
die rechte, die beste Kunst, und alles Streben tüchtiger
Geister geht nur auf sie. Es vergeht, es
stirbt so manches Treffliche - man könnte bisweilen wünschen
auch in der Gesellschaft zu
seyn, beizu auch deshalb, weil die Todten stumm sind und nicht klatschen
und verläumden.
Christian Dietrich Grabbe, 1836.
Von Norbert Burgmüller hatten Sie in der Zeitschrift
eine Notiz. Ich kannte ihn. In Cassel traf ich
ihn am Pfingstmontag 1830 bei Spohr. Er (Burgmüller) lud mich ein,
mit ihm nach Wilhelmshöhe
zu gehen, wo die Wasserkünste zu sehen. Mein Vater blieb in Cassel,
um ein nicht zustande
gebrachtes Konzert zu arrangieren, während wir (einige Theatersubjekte
waren mit von der
Gesellschaft) lustig gen Wilhelmshöhe wanderten. Damals konnte ich
Burgmüllers tollen Humor
nicht begreifen, jetzt besser. Er sprach viel von einem Pianofortekonzert,
wenn ich nicht irre, in
Fis-Moll, das er mir später vorspielen wollte. In W. angelangt, wurden
wir der Wassersachen
bald satt, und meine Begleiter sehnten sich von springenden Wassern nach
springenden
Korken. Die Partie ward zu Wein. Ich war zu jung um aucherbachisch phantasieren
zu können
über alle Traubensaftsorten und nahm mit Kaffee und gesittetem Kuchen
vorlieb. Der Bissen
schwoll mir im Munde, denn ich hatte keinen Heller bei mir, mich selber
ausgenommen. Aber
bald ward ich ruhiger. Gegen Abend kehrten wir zurück, nachdem die
lustigen Brüder dem Wirt
artige Komplimente gemacht und sich mir dartat, wie vieles in dieser Welt
auf Pump gesoffen
wird. Ich gestand, außer mir zu sein, d.h. nichts zu haben, und die
wenigen Kaffe- und
Kuchengroschen ruhen neben den kreideweissen Talern des Burgunder und Champagner.
- In Burgmüllers Zimmer angelangt, spielte ich sein Fis-Moll-Konzert,
von dem ich mich nur
erinnere eines schönen Tuttis und wunderbar origineller Arpeggio-Passagen.
Aber nur sehr
dunkel. Wir nahmen sehr gerührt Abschied, und als ich nach Hause kam,
eröffnete mir der
Vater, daß er einen Wagen gemietet und morgen früh abgefahren
werde. Seitdem habe ich
nichts mehr von Burgmüller gehört, und damals nur so viel verstanden,
daß er ein in jeder
Hinsicht ungewöhnlicher Mensch war.
Stephen
Heller, 1838.
Norbert Burgmüller war der Sohn des alten wunderlichen
Kauzes, dessen Zelter im dritten Theile
seines Briefwechsels mit Goethe gedenkt. Von diesem Schlemmer kann man
kaum reden, ohne
daß die Schilderung in das Komische verfällt. Ein Musikant,
klug, toll, lustig, aus der früher
debauchirenden Schule. Die ganze Familie aß aus dem Topfe, worin
die Speise bereitet war;
Teller wurden für Überfluss gehalten. In dieser Wirtschaft wuchs
Norbert auf, und da mag er die
Anlage zum genialen Umherschlendern, welches ihm eigen war und seinem Glücke
schädlich
ward, empfangen haben. Sein Talent zeigte sich sehr früh, mußte
aber vorzeitig - er war kaum
vierzehn Jahre alt - in Lectionen abquälen. Nach dem Tode des Vaters
studirte er in Kassel unter
dem vortrefflichen tiefgelehrten Harmonisten Hauptmann und kam zu Spohr
in die vertrautesten
Beziehungen. Spohr liebte ihn sehr und hegte von seinen Fähigkeiten
die grössten Erwartungen.
Dort bildete er sich zum gründlichsten Musiker aus. Nach Düsseldorf
zurückgekehrt, lebte er von
Unterstützungen des Grafen Nesselrode und vom Stundengeben. Daneben
schrieb er an seinen
Werken. Die Natur hatte ihm eine Fülle wahrer Melodien zugetheilt,
die durch den Unterricht bei
Hauptmann Consistenz gewannen. In Kassel schrieb er sein erstes Concert,
ein Werk von grosser
Schwierigkeit und suchendem, etwas düsterm Sinn. In Düsseldorf
folgte die erste Symphonie,
worin sich die reiche Harmonie zu klarer Darlegung oft ganz neuer Gedanken
ausgearbeitet
hatte; dann setzte er mehrere Nummern zu einer Oper, die er des Textes
wegen späterhin
aufgab. Hier war er fasslich für Jeden; doch hatte er dafür auch
Einiges gewöhnlicher
genommen, als in der Symphonie. Nachmals hat er noch sehr tief und richtig
empfundene
Lieder, ein vortreffliches Quartett und drei Nummern zu einer zweiten Symphonie
geschrieben,
in welchen Arbeiten aber ein bedeutender Fortschritt zu Klarheit sichtbar
war und Alles aus
innerer Fülle strömte. Seine Werke tragen ganz das Gepräge
seines Wesens. Fein und
sentimental im besten Sinne, dennoch tief und oft humoristisch war er und
das, was er schrieb.
Er setzte nie eine Note hin, um sie nur da stehen zu haben; eine lebendige
Nothwendigkeit
erzeugte jeden Ton. Lieber liess er etwas unvollendet, als dass er sich
in nicht empfundenen
herkömmlichen Weisen beschwichtigt hätte. Den vierten Satz zu
seiner zweiten Symphonie
konnte er nicht finden, und es war halb komisch, halb rührend, wenn
man ihn auf befragen ant-
worten hörte: 'Er ist immer noch nicht da'.
Im Mai 1836 reiste Norbert nach Aachen, um sich von alt eingewurzelten
Uebeln zu heilen. Seit
seiner Kindheit schwächlich, war er späterhin epileptischen Zufällen
unterworfen gewesen.
Plötzlich wurden wir durch die Nachricht erschreckt, dass er todt
in der Badewanne gefunden
worden sei.
Amalie von Sybel, 1837.
Norbert Burgmüller war im Sommer 1830 nach Düsseldorf
zurückgekehrt. Der Ruf, der ihm
vorausging, hatte ihn als das ausgezeichnetste productive Talent unter
den Schülern jener
Meister bezeichnet. Er brachte mannigfache Compositionen mit, die er bei
öffentlichen
Gelegenheiten und in Privatzirkeln mittheilte. Ein Clavierconcert brachte
ihm rauschenden Bei-
fall, kleinere Clavierstücke gefielen ausserordentlich
in den Kreisen, wo er sie vortrug, und
einige seiner Lieder hörte man bald allenthalben singen. Die liebenswürdige
Persönlichkeit
Burgmüller's entfaltete sich mir bei diesen Zusammenkünften immer
mehr. Ich sage, sie
entfaltete sich, denn er gehörte nicht zu den Menschen, deren Wesen
sich uns bei der ersten
Zusammenkunft enthüllt. Seine äußere Erscheinung hatte
nichts Auffallendes. In seinen
Kleidern war er durchaus einfach; er trug einen einfachen Rock im Schnitte
des Tages, eine
gewöhnliche Halsbinde und einen alltäglichen Hut. Auch sein Benehmen
hatte nichts Unge-
wöhnliches. Er war zwar gross und schlank gewachsen, aber seine Glieder
schienen nur lose
in einander zu hängen. Vielleicht hatten Fehler in der jugendlichen
Erziehung ihm jene Blödigkeit
mitgetheilt, die später die Grazie des guten Gesellschaftslebens fern
hielt. Wenn er vor Fremden
angesprochen wurde, lag immer eine Art von Verlegenheit und Befangenheit
auf seinem
Gesichte, eine Eigenschaft, die zwar gefällt, aber doch von einem
vertraulichen Eindringen
abhält. Betrachtete man ihn von fern, so hatte sein ganzes Wesen etwas
Stilles, in sich
Verschloßenes und Melancholisches; manche Leute hielten ihn sogar
für düster, was er jedoch
nur für Augenblicke war. Mit besserer Aufmerksamkeit wurde es nicht
schwer, bald eine warme
und tiefe Seele in dieser Erscheinung aufzufinden. Seine sanfte schöne
Stimme, die den oft
rauhen deutschen Tönen eine eigene Musik verlieh, war ein guter Schlüssel,
mit dem er sich
bald das Herz der Aufmerksamen erschloss. Milde liebenswürdige Lebensansichten,
die er hier
und da ungesucht in das Gespräch werfen mußte, fesselten noch
mehr, am meisten aber das
schöne, tiefe, blaue Auge, dass man freilich unter der klaren
hochgewölbten Stirn und hinter
der neidischen Brille etwas tief suchen mußte, um so mehr da die
andern Züge des Gesichts
nicht besonders dahin leiteten. Denn die übrigen Theile des Kopfs
waren keineswegs schön.
Seine Nase war gewöhnlich, und die etwas zu grossen und zu dicken
Lippen benahmen dem
Munde alle Zierlichkeit. Jedoch im Genuße musikalischer Kunstwerke
belebte sich das ganze
Gesicht wunderbar, besonders durchgeistert aber war es, sobald er eigene
Compositionen
vortrug. Wer die verschiedenen Stimmungen der Musik nicht aus den Klängen
selbst verstand,
der konnte sie in seinem Gesicht lesen. Jeder Zug war belebt und durchzuckt
von jubelnder
Wonne, von bitterm Schmerz, von neckischem Scherz, wie sie die Composition
gerade brachte.
Seine Compositionen waren gewöhnlich in seinem Kopfe lange vorher
fertig, ehe er sie zu Papier
brachte. Wenn er mit einem musikalischen Gedanken in eine Gesellschaft
kam, so saß er oft
einige Stunden lang im tiefsten Stillschweigen. Wurde er aber fertig mit
demselben, oder warf
er ihn über Bord, so wurde er ganz ausgelassen vor Lust und Witz.
Beim Niederschreiben seiner
Gedanken war er äusserst reinlich und klar; man sah überall,
daß er den Gedanken vollkommen
überwunden hatte, wenn er ihn zu Papier brachte. Im Gedanken ist er
stets selbständig. Das
Eigenthümliche seiner künstlerischen Individualität ist
so prägnant überwiegend, daß man
diese Eigenschaft sogar in seinen frühesten Compositionen bewundern
muß. Überall ist
gesunde Organisation und Naturnothwendigkeit. Sie überzeugen, daß
jede Note durch den
Gedanken bedingt ist, und daß nirgendwo leerer Aufwand und Affectation
zum Vorschein
kommt. Seine Lieder sind Producte günstiger Stunden, in denen ein
Gedicht sich der Stimmung
der Seele anschmiegt und dort begleitende Töne findet. Burgmüller
componirt nie das Wort, wie
es die meisten Liedercomponisten der neuern Zeit thun, sondern er ringt
stets nach dem
Ausdruck einer Totalstimmung. Seine Töne kommen mir oft wie Elegien
vor, mir ist, als hätte er
sich mit ihnen seine Todtenlieder gesungen. Es vergeht fast kein Tag, wo
ich nicht eine seiner
Melodien aus meinem Gedächtnis hervorrufe und in ihr das Andenken
feiere an einen Künst-
ler von dem größten und feinsten Talente, der zu wenig anerkannt
wurde, dem bei allen edlen
Bestrebungen das Leben stets ein dunkles Antlitz zeigte.
Wolfgang Müller von Königswinter, 1840.
Meine Eltern ließen mir Klavier-Unterricht
geben, dessen Leitung zuletzt Norbert Burgmüller
übernahm. Der damals schon durch seine Liedercompositionen und eine
Symphonie bekannte
junge Musiker war in unserem Hause bald wie ein Glied der Familie angesehen.
Da wir den
stillen, in sich gekehrten Musiker, von dem der Dichter Grabbe sagte, er
schweige in sieben
Sprachen, nahmen wie er war, empfand er ein unverkennbares Behagen in unserem
Kreise.
Nach den Unterrichtsstunden pflegte er das Sopha in Beschlag zu nehmen,
und da saß er
träumend, lesend oder plaudernd, je nachdem sich eines von uns ihm
zu widmen vermochte.
Und er, mit seiner grossen, schlanken Gestalt, sonst im Leben so schüchtern
und unbeholfen,
in allen Weltkünsten so unerfahren wie ein Kind, gab sich dann von
der anmuthigsten,
liebenswürdigsten Seite. Mich neckte er besonders gern, für uns
alle aber hegte er eine
aufrichtige Zuneigung, welcher er einen sinnigen umd mich besonder ehrenden
Ausdruck gab,
indem er mir sechs seiner schönsten Lieder widmete. Wir sahen alle
damals in Burgmüller einen
der ersten Musiker Deutschlands heranreifen. Nur zu schnell aber sollten
diese Hoffnungen
durch ein plötzlich hereinbrechendes Geschick vernichtet werden.
Wally Becker geb. Müller, 1901.
Ich entsinne mich noch, dass Norbert Burgmüller, ein junger genialer
Musiker, der im Gegensatz
zu den damaligen musikalischen Gesellen Düsseldorfs und deshalb zuweilen
von ihnen
verspottet, Mendelssohn mit Begeisterung anhing, an einem frühen Morgen
- denn so lange
dauerten unsere herrlich durchschwärmten Nächte gewöhnlich
- in einen solchen Zustand der
Erregtheit und der Entzückung geraten war, daß er wie ein geistig
Angetrunkener vor mir nach
seinem Haus geführt werden musste. Burgmüller - der wirklich
im innigsten musikalischen
Verhältnis zu Felix stand, obschon dieser ihn oft rüttelte und
schüttelte, dass er erwache und
auf dem gangbaren Wege bleibe - bei einem solchen Nachtheimgang plötzlich
stehen, wandte
sich an Mond und Sterne und beschwor sie, Felix so bald noch nicht wieder
zu sich urückzu-
nehmen, seine irdische Mission sei ja noch nicht erfüllt, zu lange
werde sie ohnehin nicht dauern.
Wer hätte damals glauben können, daß das Wort eines begeisterten
Sternsehers und Mond-
süchtigen sich so bald erfüllen würde, und daß auch
er seiner frei übernommenen Mission
in ihrer Begrenzung und Bescheidenheit, der Vorgänger Mendelssohns
zu sein, nicht lange mehr
nachkommen werde. Wenige Jahre nachher starb Burgmüller, nach seinem
eigenen Geständnis
durch Felix erst auf den richtigen Weg der Erkenntnis als Mensch und als
Künstler geführt, eines
jähen Todes in Aachen; in jeder Beziehung ein viel zu früher
Verlust. Mir ging Burgmüllers Tod sehr
nahe. Vergeblich habe ich unter meinen Papieren nach einem herrlichen Brief
von Mendelssohn
gesucht, den er mir bei dieser für uns beide so betrübenden Veranlassung
schrieb.
Emil von Webern, 1913.
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