INTERPRETEN 1850 - 1918
Einige der wichtigsten Interpreten der Werke von Norbert Burgmüller sind bereits in anderen
Rubriken (Lehrer und Musikerkollegen) kurz als solche erwähnt worden. In den folgenden beiden
Abschnitten soll eine erste Auswahl von Musikern kurz vorgestellt werden, die sich in besonderer
Weise für die Werke von Norbert Burgmüller eingesetzt haben oder für historisch wichtige
Aufführungen oder Einspielungen gesorgt haben.
Albert Dietrich (1829-1908)
Albert Dietrich, gebürtig aus Meißen, war Schüler des Leipziger Konservatoriums und dann in
Düsseldorf der einzige nennenswerte Kompositionsschüler Robert Schumanns, dessen geistigen
Zusammenbruch er aus nächster Nähe erlebte. Er gehörte zum engsten Freundeskreis um Clara
Schumann, Joseph Joachim und Johannes Brahms. Der feinsinnige und originelle Komponist, der
lange Zeit nur durch seinen Beitrag zur sogenannten FAE-Sonate in der Erinnerung blieb, wird in
den letzten Jahren zunehmend als Meister von eigenem Profil wiederentdeckt, wie Neudrucke seiner
Werke und Einspielungen beweisen. Ehe Dietrich seine Lebensstellung als Hofkapellmeister in
Oldenburg antrat, war er für einige Jahre Städtischer Musikdirektor in Bonn. Hier dirigierte er 1860
aus dem Manuskript das Klavierkonzert von Norbert Burgmüller und verlieh mit dieser beachteten
Aufführung dem Bemühen um die Edition der Orchesterwerke wichtige Impulse.
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Albert Dietrich:
Sofie Menter (1846-1918)
Die als eine der sprichwörtlichen Lieblingsschülerinnen von Liszt bekannte Münchnerin
Sofie Menter,
war eine der gefeiertsten Pianistinnen der Ära vor d'Albert und Busoni, die ebenso durch
Kraft wie
durch Sensibilität faszinierte. Ihre Ungarischen Zigeunerweisen (orchestriert von
Tschaikowsky und
neuerdings fälschlich Liszt zugeschrieben) weisen sie als ernstzunehmende Komponistin
aus. Für
Ihr Leipziger Debüt 1867 wählte sie kein anderes Werk als das Klavierkonzert von
Burgmüller aus.
Leider lässt sich bisher nicht nachweisen, ob Sofie Menter das Werk später noch an
anderen Orten
gespielt hat.
Sofie Menter:
Ernst Perabo (1845-1920)
Der aus Wiesbaden stammende Pianist, Pädagoge und Komponist Ernst Perabo wurde in New York
erzogen, kam aber 1858 wieder nach Deutschland, um sich in Hamburg und vor allem in Leipzig als
Komponist und Pianist ausbilden zu lassen. 1866 liess er sich in Boston nieder und wurde zu einem der
führenden Konzertpianisten und Klavierlehrer vor dem ersten Weltkrieg. Seine bekannteste Schülerin
war die Komponistin Amy Beach. Unter seinen ausschliesslich dem Klavier gewidmeten Werken fallen,
neben interessanten Konzertparaphrasen über Themen aus Fidelio, eine Anzahl von gediegenen
Transkriptionen auf. Unter diesen befindet sich eine Bearbeitung des Andante aus Burgmüllers 2.
Sinfonie für Soloklavier, veröffentlicht etwa 1870 in Boston (s. Links). Als Pianist führte Perabo dieses
Arrangement ebenso auf, wie das Duo für Klarinette und Klavier. Besonders setzte er sich jedoch für
das Klavierkonzert op.1 ein, dass er nicht nur 1865 in Leipzig spielte, sondern zwischen 1866 und
1881 mehrfach in Boston interpretierte. Diese Aufführungen annoncierte er jeweils mit knappen
Informationen über Burgmüller, die er in der örtlichen Presse erscheinen liess. Perabo war im Besitz
der Burgmüller'schen Handschrift seines Allegretto o.op. in der Alternativversion, die sich Perabo
1865 von Kistner schenken liess.
Ernst Perabo:
Otto Reibold (1861-1945)
Reibold wurde in Mannheim geboren und genoss seine Ausbildung am Stuttgarter Konservatorium.
In der Folge war er als Geiger Mitglied des Stuttgarter Hoforchesters und des Bilse'schen Konzert-
orchesters in Berlin. Es folgten einige Jahre als Sologeiger und Dirigent im Aachener Kurorchester.
1889 wurde Reibold Konzertmeister des Düsseldorfer Städt. Orchesters, 1899 dessen stellvertr.
Dirigent unter den Musikdirektoren Buths und Panzner. In einer Zeit weitgehender Vergessenheit
der Werke Burgmüllers, arrangierte er 1905 ein Gedenkkonzert mit dem 4. Streichquartett, den Entr'
Actes und der 1.Sinfonie. 1913 brachte er nochmals die 1. Sinfonie vor das Düsseldorfer Publikum.
Carl
Reinecke (1824-1910)
Die Bedeutung Carl Reineckes als Komponist, Dirigent, Pianist, Pädagoge und Musikschriftsteller wird
heute, nach langen Jahren der Geringschätzung, zunehmend erkannt. Als zentrale Gestalt der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts, stand Reinecke nicht nur 35 Jahre dem Leipziger Gewandhausorchester
vor, bildete eine Vielzahl vorzüglicher Musiker aus (darunter Grieg, Janacek, Sullivan, Albeniz, Wein-
gartner) und wirkte stilbildend als Mozartspieler, sondern war auch ein wichtiger Komponist der Rich-
tung seiner Förderer Mendelssohn und Schumann. Unter seinen ungedruckten Kompositionen findet
sich eine Rhapsodie für Klavier in h-moll, die auf Burgmüller Bezug zu nehmen scheint. Als Gewandhaus-
dirigent leitete Reinecke eine der ersten Aufführungen der von Schumann zur Dreisätzigkeit ergänzten,
zweiten Sinfonie von Burgmüller. Er brachte überdies Mitte der 1860er Jahre zweimal das Klavierkon-
zert und die Ouvertüre. Noch 1891 erinnerte er an das Scherzo aus der 1. Sinfonie. Für die Aufführung
des Klavierkonzertes mit Sofie Menter, soll Reinecke den Orchestersatz umgearbeitet haben. Leider
fehlt von dieser Instrumentation bis heute jede Spur.
Carl Reinecke:
Rhapsodie h-moll o.
op. (1844)
Wilhelm Schauseil (1834-1892)
Der gebürtige Düsseldorfer Wilhelm Schauseil erfeute sich im Rheinland eines guten Rufes als Pianist,
Dirigent und Gründer des Düsseldorfer Bachvereins, während er als Komponist lediglich mit einigen
wenigen Chorsätzen durchzudringen vermochte. Schauseil spielte das Klavierkonzert von Burgmüller
1860 in Bonn unter Albert Dietrich, sowie ebenfalls 1860 und nochmals 1864 in Düsseldorf unter Julius
Tausch. Er nahm regen Anteil an der Herausgabe des Burgmüllerschen Nachlasses bei Kistner und war
von Friedrich Burgmüller ausersehen, einen Klavierauszug des Opernfragmentes Dionys anzufertigen.
Ob es dazu kam und warum das Werk (wie auch die anderen grösseren Vokalwerke) nicht von Kistner
ediert wurde und schliesslich verloren ging, dürfte heute kaum mehr festzustellen sein. Die Tochter von
Wilhelm Schauseil, Wally, war eine bekannte, von Brahms und Bruch gleichermassen geschätzte Konzert-
sängerin.
Julius Tausch (1827-1895)
Aus der Schumann-Biographie - wohl zu Unrecht - als dessen Gegenspieler bekannt, kam der Dessauer
Julius Tausch nach seiner Ausbildung bei Friedrich Schneider und am Leipziger Konservatorium, 1846
nach Düsseldorf. Der gewandte Pianist fasste dort rasch Fuss, wurde Dirigent der Künstlerliedertafel
und 1853 Schumanns Stellvertreter, ehe er ihn 1855 als Städtischer Musikdirektor (bis 1889) ablöste.
In diesem Amt nicht immer unumstritten, war Tausch Dirigent mehrerer Niederrheinischer Musikfeste.
Bereits 1856 brachte er Bruchstücke aus Burgmüllers Dionys zur Aufführung, dirigierte 1860 das Kla-
vierkonzert und veranstaltete 1864 ein Monster-Gedenkkonzert mit der Uraufführung der ergänzten 2.
Sinfonie, der Ouvertüre, dem Klavierkonzert und dem Dionys. Die Ouvertüre setze er nochmals 1868
und 1880 auf die Programme und dirigierte 1874 das Klavierkonzert vom Flügel aus. Für den Erstdruck
bei Kistner, ergänzte er das Duo für Klarinette und Klavier nach einem unvollständigen Manuskript. Die
Hoffnung, in seinem kürzlich entdeckten Nachlass Aufschluss über den Verbleib verschollener Werke
von Burgmüller zu finden, hat sich leider nicht erfüllt.
Carl Zerrahn (1826-1909)
Der aus Mecklenburg stammende Dirigent Zerrahn kam 1848 als Flötist des Germania-Orchesters
in die USA, wurde 1856 für dreissig Jahre Dirigent der Bostoner Handel and Haydn Society und führte
daneben die Harvard-Sinfoniekonzerte. Grosse Popularität erlangte er als Leiter der Musikfeste in Worcester. Ausser Julius Tausch hat im 19. Jahrhundert kein Dirigent häufiger Burgmüller aufgeführt, als Carl Zerrahn. Er veranstaltete mit dem Pianisten Perabo mehrfach Aufführungen des Klavier- konzertes und sorgte auch für die US-Premieren der Ouvertüre und der 2. Sinfonie, die er zu beacht- lichen Erfolgen führte.
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