Constantin
von Tischendorf (1815-1874)
Ein
Freund von Mendelssohn und Schumann
Constantin Tischendorf, Stahlstich nach einer Daguerrotypie um 1845
Mein
Ur-Urgrossonkel, Lobegott Friedrich Constantin Tischendorf, wurde am 18.
Januar 1815 in
Lengenfeld im Vogtland als neuntes Kind eines Gerichtsarztes geboren. Er
besuchte die Bürger-
schule seines Geburtsortes und wechselte 1829 ans Gymnasium in Plauen.
1834 begann er in
Leipzig das Studium der Theologie und wurde durch seinen Lehrer Winer schon
bald auf sein
späteres Hauptarbeitsgebiet der Textkritik des Neuen Testamentes geführt.
Noch während des
Studiums veröffentlichte er zwei preisgekrönte Arbeiten. 1838
schloss er sein Studium als Doktor
der Philosophie ab und habilitierte sich bereits 1840 in Leipzig. Schon
1839 begann er seine aus-
gedehnten Studienreisen durch ganz Europa und später in den Orient,
immer auf der Suche nach
frühen Quellen zum Neuen Testament. 1840 bis 1843 weilte er in Paris
und brach 1844 zur ersten
Reise in den Nahen Osten auf, die ihn auch ins Katharinen-Kloster auf dem
Sinai führte, wo er dann
1859 die grösste Entdeckung mit dem sogenannten Codex sinaiticus,
einer griechischen Handschrift
des Neuen Testamentes aus dem 4. Jahrhundert, machte. Jene spätere
Reise wurde vom russischen
Zaren finanziert, der nicht nur eine Faksimile-Ausgabe der Handschrift
veranstaltete, sondern Tischen-
dorf auch in den Stand des russischen Verdienstadels erhob. Seine in zahlreichen
Veröffentlichungen
geschilderten Reisen wurden vom gebildeten Bürgertum in gleicher Weise
mit Spannung verfolgt,
wie seine wissenschaftlichen Entdeckungen das Publikum in Atem hielten.
Tischendorf muss als einer
der bedeutendsten Paläographen nicht nur des 19. Jahrhunderts betrachtet
werden. Als eines der
angesehensten Mitglieder der Leipziger Universität und als international
berühmter Bibelforscher,
verstarb Constantin von Tischendorf am 7. Dezember 1874 in Leipzig an den
Folgen eines eineinhalb
Jahre zuvor erlittenen Schlaganfalles.
Zwei Seiten aus dem Faksimile-Druck des Codex sinaiticus, dessen Original sich heute
im Londoner British Museum befindet, nachdem das Stalinistische Regime 1933 aus
notorischer Devisenknappheit die Handschrift an England verkaufte.
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Constantin von Tischendorf, Photographie um ca. 1870.
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Tischendorfs Handschrift in einem Brief aus dem Jahre 1848.
(Sammlung Dr. Klaus Zehnder-Tischendorf, Zofingen)
Weit weniger bekannt als Tischendorfs wissenschaftliche Verdienste, sind seine künstlerischen
Neigungen sowie seine Verbindungen mit Musikern wie Felix Mendelssohn und Robert Schumann.
Schon als Gymnasiast hatte Tischendorf Gelegenheitsgedichte verfasst, ehe er 1838 in Leipzig
unter dem Titel Maiknospen eine Sammlung von 91 Gedichten im Druck erschienen liess. Meyer-
beer soll darüber geäussert haben: Ich habe mir Vieles angestrichen, was ich künftig davon zu
componiren beabsichtige. Bislang hat sich keine Vertonung des Opernkomponisten nachweisen
lassen. Dagegen besitzen wir von Felix Mendelssohn das bisher kaum bekannte Lied Lieben und Schweigen, von dem mindestens zwei zeitgenössische Abschriften existieren, eine davon mit dem
Vermerk dem Dichter komponiert und geschenkt.
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Felix Mendelssohn: Lieben und Schweigen , undatiertes Lied
in der Fassung für Soloklavier arrangiert
Tischendorf und Mendelssohn waren in Leipzig einige Jahre lang direkte Nachbarn, ansonsten
ist ihre Freundschaft bislang kaum erforscht. - Auch mit Robert Schumann, dessen Nachbar er
einige zuvor ebenfalls Jahre in Leipzig war, stand Constantin Tischendorf in Verbindung. Mehr-
fach taucht er in Schumanns Tage- und Haushaltsbüchern auf; ferner ist eine Reihe von Briefen
an Schumann erhalten, von denen einer Eingang in das Album von Robert und Clara Schumann
fand, das diese als Sammlung von Briefen und Gedichten bedeutender Zeitgenossen und Freunde
für ihre Kinder anlegten. Am 21. Oktober 1840 schreibt Tischendorf an Schumann in Leipzig:
Verehrter Herr Doktor, die herzliche Güte, mit der Sie meinen gestrigen Besuch aufnahmen,
drängt mich, Ihnen schon heute die gewünschten Maiknospen u. dazu noch ein aus meinem
Herzen gerissenes Stücklein sowie ein Gedicht auf meinen ehrwürdigen Freund in Strasburg
ergebenst zu übersenden. Sehr geehrt werd' ich mich fühlen, wenn es auch Ihre verehrte Fr.
Gemahlin nicht verschmäht, den Kindern meiner Muse ins Auge zu sehen. Dass ich gestern
das erste herrliche Lied: Die beiden Grenadiere für ein Mendelssohn'sches u. schon gehörtes
hinnahm, werden Sie mir nicht übeldeuten. Ihre Muse ist der Mendelssohnschen schön ver-
wandt u. das rasch Fesselnde scheint leicht aus liebgewonnenen Erinnerungen zu stammen.
Bis auf die Freude, Sie wiederzusehen, empfehl' ich mich Ihrer Gewogenheit aufs Herzlichst.
C.Tischendorf
Während seinen Pariser Jahren 1840-1843 war Tischendorf mehrfach Schumanns Vermittler zu
dessen Pariser Freunden und Weggenossen wie Kastner, Berlioz, Heller, Chopin und Liszt. Am
13. Februar 1842 schreibt Tischendorf u.a. an Schumann: Mit Herrn Wagner bin ich seit einigen
Monaten öfter zusammen, er hat mir von Ihrem gegenseitigen Briefwechsel mitgeteilt. Die Posi-
tion Wagners ist hier eine sehr negative und bescheidene, ich wünsche von Herzen, dass sein
Rienzi mit rechtem Glanze ins Leben treten möge. Tischendorf soll auch Mitarbeiter an Schumanns
Neuer Zeitschrift für Musik gewesen sein, doch sind seine Beiträge wie die vieler anderer Autoren
bis heute nicht identifiziert. Es kann als sicher gelten, dass Tischendorf die Beiträge Robert
Schumanns über Norbert Burgmüller kannte und möglicherweise auch der Aufführung von
dessen 1. Sinfonie 1838 durch Mendelssohn in Leipzig beiwohnte. Ein magischer Kreis!
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Constantin Tischendorf, Pastellgemälde um 1841
Literatur:
Behrend, Hildegard: Auf der Suche nach Schätzen. Aus dem Leben Constantin von Tischendorfs. Berlin 1952.
Böttrich, Christfried: Tischendorf-Lesebuch. Bibelforschung in Reiseabenteuern. Leipzig 1999.
Böttrich, Christfried: Bibliographie Konstantin von Tischendorf (1815-1874). Leipzig 1999.
Schneller, Ludwig: Tischendorf-Erinnerungen. Leipzig 1927.Herrn Prof. Böttrich, Leipzig, möchte ich überdies für eine Reihe von persönlichen Mitteilungen danken.
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