URTEILE
1882 BIS ZUR GEGENWART
Vermischte Mittheilungen.In dem Historischen Concert des Vereins Rostocker Musiker kam unter Leitung unseres
verehrten Mitarbeiters Hrn. Dr. Kretzschmar die seit Jahren ganz verschollene C-moll-
Symphonie von Norbert Burgmüller mit sehr gutem Erfolg zur Aufführung. Man rühmt der
quasi-Novität hohem musikalischen Werth nach und meint, dass sich das Werk noch heute
neben den besten Symphonien von Schumann sehen lassen dürfe, ja diesen theilweise an
eigentlicher Orchestererfindung über sei.
Musikalisches Wochenblatt, 1882.
Sechstes Gewandhauskonzert.Die Berücksichtigung eines Scherzo aus der c-moll-Symphonie von Norbert Burgmüller frischte
in dankenswerther Weise die Erinnerung an einen Componisten auf, dessen Talent von keinem
Geringeren als Robert Schumann sehr hoch geschätzt wurde. Nahe befreundet mit dem
urwüchsigen Dramatiker Grabbe ist Burgmüller in seiner Kunst eine nicht minder kraftgeniale
Natur; alles was er geschaffen, ist gehaltvoll genug, dass man es der Vergessenheit zu
entreissen sich verpflichtet fühlen darf. Villeicht findet sich später einmal auf einem Programm
Raum zur Vorführung einer vollständigen Burgmüller'schen Symphonie.
Leipziger Nachrichten, 1891.
Freilich gestattete dem jungen Künstler sein kurzes Leben nicht, zahlreiche Werke zu schaffen:
seine sämtlichen Compositionen erreichen daher nur die Opuszahl 17. Es ist begreiflich, dass er
in denselben noch nicht zu voller Reife hat gelangen können. Und trotzdem bekunden sie einen
solchen Reichthum und eine solche Fülle von Talent, das wir in der That dessen vorzeitigen
Verlust auf Tiefste beklagen müssen. Denn wir wären berechtigt gewesen, nach den ersten und
leider einzigen Arbeiten Burgmüller's das Höchste von ihm zu erwarten. Wenn nun auch diese
Hoffnungen sich nicht haben erfüllen können, so sollte man doch das Wenige, aber so schwer
wiegende, das er vollendet hat, nicht verächtlich bei Seite liegen lassen, sondern zu Studium
und Aufführung wieder hervorziehen.
Erwin Albers, 1896.
Es sind von ihm nicht viel Klavierkompositionen veröffentlicht worden: ausser einem Konzert
eine Polonaise, eine Sonate und eine Rhapsodie. Alle Klavierspieler die sich nach etwas
Schönem, Echtem, Apartem sehnen, seien auf seine Rhapsodie aufmerksam gemacht. Sie ist
ein Bild von tiefem menschlichem Gehalt und künstlerisch genialer, einfacher Ausführung, eines
jener Nachtbilder, wie sie Schumann und Kirchner in der Mehrzahl geschaffen haben. Wer mag
wissen, welche Erinnerungen oder Hoffnungen der freundlichen Himmelsgestalt zugrunde liegen,
die die Ausbrüche der tobenden Leidenschaft immer wieder verscheucht. Auf ihrer Zeichnung
und Einführung beruht aber der Wert und die zauberische Wirkung der eigenartigen Komposition.
Norbert Burgmüllers, des von Schumann hochgeschätzten Bruders vom seichten Vielschreiber
Friedrich Burgmüller und intimen Freundes vom Dichter Grabbe fis-moll Konzert, Rhapsodie
op.13, Polonaise und f-moll Sonate neigen in den Ecksätzen von Konzert und Sonate mit ihrem
dramatisch und tragisch erregten, nachtdunklen und leidenschaftlichen Elegienton zu Spohr.
Walter Niemann:
Der alte, oben erwähnte Burgmüller (Düsseld.) hatte einen Sohn, Norbert B., von dessen
ausserordentlichem Kompos. - Talent in meiner Jugend noch in hohem Ton gesprochen
wurde. Er ist aber früh gestorben, und sein Name ist verklungen.
Max Bruch:
Norbert Burgmüller. Konzert im kleinen Haus.Die Bedeutung Burgmüllers ist gegenwärtig nicht überall ihrem wirklichen Wert nach anerkannt.
Burgmüller ist einer der ersten Vertreter und Schöpfer musikalischer Klavierromantik, einer der
ersten Pfleger der kleinen musikalischen Charakterbilder, die von Robert Schumann zur letzten
Höhe geführt worden sind. Es gilt allgemein als Kennzeichen frühromantischer Kunst, dass sie
in der knapp gezeichneten Wiedergabe einer Kleinstimmung ihre wesentliche Aufgabe erblickt
hat. Wie deutlich und klar, wie ansprechend hat Burgmüller in dieser Richtung auch in seinen
Liedern die verschiedensten Stimmungen genial zu fassen gewusst. Wie schwingt in jedem
dieser inspirierten Sätze die ganze Persönlichkeit des Tonsetzers. So selten Burgmüller im
grossen Strom des musikalischen Lebens heute genannt werden mag: ganz auslöschen, ganz
zur Vergessenheit kommen wird seine Musik niemals!
Düsseldorfer
Stadtanzeiger, 1931.
Romantik um Grabbe.Das Lippische Landesorchester spielte unter seinem Dirigenten Hans Vogt recht klangvoll die
Erste Symphonie in c-moll von Norbert Burgmüller. Es ist das Werk eines echten Romantikers,
der zwischen Euryanthe und Schumann steht und dessen Weg bereits zu Brahms hinweist. Dies
nur als Anhalt, im Gehalt ist diese melodisch edel und gut gearbeitete Musik durchaus per-
sönlich. Schwungvoll rauschten die weichen und fliessenden Stimmen auf, die in den einzelnen
Sätzen nach romantischer Art verwandt sind und im etwas gleichförmigen Finale sogar fast
wörtlich den Anfang zitieren. Es ist ein echt empfundenes, noch heute fesselndes Stück.
Hamburger
Fremdenblatt, 1936.
Musik um Grabbe.Von diesem Norbert Burgmüller wurde die C-moll-Sinfonie zu neuem klingenden Leben erweckt.
In ihr sind sozusagen die kammermusikalischen Grenzen mit sanfter Gewalt gesprengt. In der
Fülle der Einfälle und in dem seligen melodischen Strömen und Verströmen steht Burgmüller
Franz Schubert brüderlich nahe. Am stärksten drückt sich die durch keine grossen Vorbilder
beirrte Eigenart Burgmüllers vielleicht in dem dritten Satze, dem Scherzo aus: mit köstlichem
Humor sind hier marschähnliche Themen voller Übermut und Tanzmelodik voller Innigkeit
miteinander verschmolzen.
Westfälische Zeitung, 1936.
Manchmal findet sich nur ein einziges Werk eines Komponisten, das neue und im Umkreis sonst
nicht feststellbare Farben in das Bild der romantischen Musik gebracht hat. Der früh verstorbene
Norbert Burgmüller hat kaum Zeit gehabt, den Einfluss seiner Lehrer Spohr und Hauptmann zu
überwinden. Aber unter seinen wenigen veröffentlichten Kompositionen ist eine Rhapsodie, die
an Farbe und Geist ganz selbständig neben Schumanns bis 1836 erschienenen Werken bestehen
kann und in Gebiete vorstösst, die damals noch nicht erobertes Neuland bedeuteten. Man wird
wenige Klavierstücke finden können, in denen Einsamkeit und Leid des romantischen Menschen
so eindringlich ausgesprochen sind.
Gerhard Puchelt, 1969.
Im künstlerischen Ambiente des damaligen Düsseldorf muss die kräftige Sprache des jungen
Burgmüller auffallen. Nie ist er geschmäcklerisch-sentimental, nie theatralisch-pathetisch,
er äussert sich direkt und mit einer unmittelbaren Frische, die bis heute nichts von ihrer
Vitalität verloren hat. Vielleicht kann Neugier erweckt werden, der Wunsch, Burgmüllers
Sinfonien wieder erklingen zu lassen, wieder zu hören. Musiker und Hörer finden in den Werken
eine Aufgabe, die ihre Belohnung und Befriedigung in sich selbst birgt.
Hans Vogt, 1989.
Hans Vogt:
Sinfonie Dona
nobis pacem (Auszug)
Hans Vogt: Autographes Skizzenblatt (1984)
It
is difficult to think of any German composer - including Schumann - who
was at the time writing
music of such originality and inventiveness. Burgmüller was one of
the most gifted composers of
his day. The coupling of his name with that of Schubert was not hyperbole
on Schumann's part.
But what has contributed to Burgmüller's neglect was his being ostracized
by much of the musical
establishment of his day, conditions which became more common as the century
progressed and
which helped establish the legend of the defiant, misunderstood - and odd
- Romantic composer.
Eric Frederick Jensen, 1992.
Hier kann nun wirklich jeder hören, mit welchem Elan, mit welcher Erfindungskraft, welchem
spielerischen Geist der weithin unbekannte Herr Burgmüller komponierte! Am meisten gemahnt
das alles tatsächlich an Mendelssohn, mit dem Burgmüller auch befreundet war, aber es spricht
dennoch eine eigene musikalische Sprache.
Stereoplay, 1998.
Stylistically, the sonata pursues its own path and with an astounding avodance of the epigonic.
The entire sonata is brimming with lyricism and technical brilliance and includes melodic and
harmonic points that recall both Schubert and Chopin. The duo ist one of the mainstays of the
clarinettist's repertoire, having taken its place alongside works of Schumann and Brahms. The
songs are just as appealing, displaying Burgmüller's ability to create sentient and convincing
musical treatments of text.
American
Record Guide, 2000.
Aus biedermeierndem Normalnull ragt diese Musik wie eine Kathedrale in der Wüste:
kaum zu begreifen, dass sie bisher so wenig beachtet wurde.
In der Tat erweist sich Burgmüllers Schaffen als ein zwar begrenzter und z.T. fragmentarischer,
aber dennoch vielgestaltiger Kosmos von hoher Eigenart, der kaum epigonale Züge erkennen
lässt und bei dem das Attribut eines "romantischen Kleimeisters", mit dem so gerne und
leichtfertig operiert wird, gänzlich unangebracht wäre. Die Einflüsse Beethovens, namentlich in
den Symphonien, und seines Lehrers Spohr, denen sich wohl kaum ein Komponist seiner Gene-
ration entziehen konnte, sind zwar deutlich erkennbar, aber schon relativ früh zu einer
individuellen Tonsprache umgeschmolzen, in der lyrische Entspanntheit, sensitive Harmonik,
farbige, nur zuweilen etwas dichte Instrumentation in die Formen der Klassik bruchlos
eingebunden sind. Das Neuartige, z.T. weit in die Zukunft, auf Schumann, auf Brahms, der
Burgmüllers Werke sehr schätzte und z.T. in seiner Bibliothek hatte, auf Bruckner Weisende
seiner oft von tiefer Melancholie, berstendem Ausdruck und dramatischer Spannung zeugenden
Musik liegt sozusagen unter der Oberfläche von Formen verborgen, die von den Vorbildern
übernommen, aber zugleich weiterentwickelt wurden.
The 15-year-old Burgmüller does show a great deal of ambition and surely puts his teacher Spohr
in the shade. For a 15 to write a strong, original, assured work in a genre that was perceived as
old-fashioned in a prodigious thing and marks a young man who expects to follow Beethoven to
musical heights that would make his father giddy and fearful. I would not call the Second Quartet
a masterwork; that designation save for the Fourth Quartet. I have not heard Burgmüller's two
symphonies, but having heard now the Fourth Quartet ,I shall seek them out if only to confirm my
suspicion that the Fourth Quartet is the young composer's masterpiece. That music has the
gravity of a Beethoven quartet and the emotional range of Schubert's last quartet.
American
Record Guide, 2001.
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